Frauen im Netzwerk des Kompetenzzentrums für Berliner Handwerkerinnen

Heike Belgert

Kreativität ist ihr Beruf. Heike Belgert ist gelernte Schaufensterdekorateurin und die vierte Unternehmerin, die wir in unserer Reihe „Frauen im Netzwerk des Kompetenzzentrums für Berliner Handwerkerinnen“ vorstellen. Mittelmaß ist für sie ein Grund zum Schämen – vor allem, wenn es um Gestaltung geht. Sie hat eine erwachsene Tochter, drei Enkelkinder, einen verständnisvollen Partner und führt mit Lust und Leidenschaft, unglaublich viel Energie und dem sicheren Gespür für Wirkung das Werbeatelier Art Window.

www.artwindow.de

 

I: Gab es eine bewusste Entscheidung für Deinen Beruf. Kannst du dazu etwas erzählen?

HB: Ich bin 1964 geboren und zwar in Ostberlin. Bei uns gab es während der Schulzeit auch so etwas Ähnliches wie Praktika. Damals habe ich relativ schnell gemerkt, dass Arbeit in der Produktion, also immer jeden Tag das Gleiche zu machen, nicht meins sein würde. Schon als Kind war ich nicht so gerne draußen, sondern lieber in der Wohnung. Dort habe ich Collagen aus Zeitschriften gebastelt, die meine Tante aus dem Westen geschmuggelt hat. Ich war eher gerne am Schreibtisch und habe gebastelt. Ich war mehr Stubenhocker-kind. Kunst hat mich immer interessiert – schon als Kind.

Ich wusste eigentlich nur, dass ich etwas Kreatives machen will. Bei einer Berufsberatung habe ich von dem Beruf gehört, also dass man Schaufensterdekorateur (heute Gestalterin für visuelles Marketing) lernen kann. In der DDR hieß das Gebrauchswerber.

Ich habe mich beworben und hatte wirklich das Glück einen Ausbildungsplatz bei der HO zu ergattern, denn es gab immer nur ganz, ganz wenig Stellen, aber ganz, ganz viele Bewerber, weil immer alle gerne lieber etwas Kreatives machen wollten. Ist heute noch genauso. Den Beruf habe ich dann zwei Jahre gelernt. Nach der der Ausbildung, ich glaube ein Jahr später, wurde ich schwanger und habe Marie geboren, meine Tochter. Wie es in der DDR üblich war, bin ich nach der Geburt ganz zeitnah wieder in die Firma eingestiegen, habe mich zu einer Art Jugendbrigadier hochgearbeitet und eine kleine Jugendbrigade geleitet. Dann habe ich aber einen Ausreiseantrag gestellt. Das ist jetzt eine andere Geschichte, aber ich durfte dann diese Jugendbrigade nicht mehr leiten, weil es natürlich politisch nicht vereinbar war.

Aber mein Direktor, der hat seine schützende Hand über mich gehalten. Da bin ich heute noch sehr froh. Er hat mir ein eigenes Fachgebiet zugeteilt und ich habe damals dann selbstständig innerhalb der HO kleine Läden in der Glinkastraße, Reinhardtstraße, also wirklich kleine Läden, die mittags zu hatten, die vorher immer nur Deko-Pakete bekommen haben, selbstständig dekoriert.

Diese kleinen Läden hatten dann mit mir ihren eigenen Dekorateur und ich hatte mein eigenes Arbeitsgebiet.

Als es dann zur Wende kam, war es für mich nicht mehr vorstellbar, mich irgendwo einzuordnen und mir sagen zu lassen, du musst das nach links und nach rechts dekorieren. Ich wollte diese Freiheit nicht mehr aufgeben. Das war der Grund, warum ich mich damals selbstständig gemacht habe.

 

I: Wann war das?

HB: Am 01.06.1991 habe ich meine Firma Art Window gegründet.

 

I: Was sind in deinem Betrieb die Schwerpunkte?

HB: Meine mentalen Schwerpunkte liegen immer noch bei der Schaufensterdekoration, obwohl ich natürlich den ganzen Bereich der Werbung abdecke. Aber diese Idee, Kunst ins Fenster zu bringen ist für mich ein inneres Bedürfnis. Schaufenster gehören für mich zum öffentlichen Raum. Mir ist es wichtig, dass der öffentliche Raum, das Sichtbare nicht so verunstaltet ist. Mein Herzblut hängt daran, kreative, tolle Dekorationen zu entwerfen, mit den Kollegen in der Atelierwerkstatt selbst zu fertigen und dann ins Fenster zu bringen.

 

I: Das kann ich gut verstehen, dass dein Herz daran hängt. Aber was für Leistungen bietet ihr sonst noch an?

HB: Die weiteren Leistungen haben sich entwickelt, weil wir ja viel für den kleinen Einzelhandel gearbeitet haben. Dabei stellte sich schnell heraus, die haben keine schöne Außenwerbung, die haben kein Logo, die haben keine Visitenkarte. So hat sich dann mein Portfolio über die Jahre immer mehr erweitert und nun bieten wir das komplette Spektrum an, also von der Logo-Entwicklung bis zur kompletten Außendarstellung.

 

I: Du redest immer von „ wir“. Wer ist „wir“ bei Art Window?

HB: Momentan habe ich zwei Festangestellte und bilde aus. Ausgebildet habe ich schon viele Jahre, weil ich finde, dass man nicht meckern kann, dass Berlin schlechte Schaufenster hat und dann selber nicht ausbildet. Man muss dafür sorgen, dass es genug Dekorateure in der Stadt gibt, die das endlich ändern könnten.

 

I: Das ist natürlich ein Grund. Wie viele Auszubildende hast du derzeit?

HB: Derzeit habe ich einen Lehrling.

 

I: Soviel ich weiß, hast du Auszubildende ins Arbeitsverhältnis übernommen?

HB: Ja, immer mal wieder. Wir nehmen pro Jahr immer nur einen Auszubildenden, weil wir eine fundierte Ausbildung bieten, also auch sehr viel in der Werkstatt selbst machen. Wenn der Lehrvertrag gemacht wird, sage ich am Anfang, dass erstmal keiner übernommen wird. Was Auszubildende mitnehmen ist einfach das Fachwissen. Aber es gibt immer mal den Moment wo ich dann doch frage, ob jemand bleiben will.

 

I:. Auf welche deiner Arbeiten bist du eigentlich besonders stolz?

HB: Schwierige Frage. Mein Motto ist immer „Mittelmaß ist ein Grund zum Schämen“. Jedes Projekt, es kann noch so groß oder noch so klein sein, muss immer perfekt sein! Das ist mein Anspruch. Also gleichgültig, ob es sich um eine große Weihnachtsdekoration für einen großen Laden oder um die Dekoration für das kleine Optikergeschäft um die Ecke handelt. Deshalb fällt es schwer, da jetzt was auszunehmen.

 

I: Das kann ich gut verstehen. Wir haben schon einige Sachen von dir gesehen und waren immer sehr beeindruckt. Aber bitte erzähle, wie ein typischer Arbeitstag von dir aussieht.

HB: Also mein Arbeitstag beginnt eigentlich schon morgens zuhause beim Kaffee. Beim Kaffeetrinken checke ich erstmal die Mails, damit mich das nicht gleich morgens auf der Arbeit als erstens so erschlägt. Dann fahre ich zur Arbeit. Der reguläre Arbeitsbeginn bei uns ist um neun Uhr. Für die Mitarbeiter geht es dann bis 17 Uhr. Ich bin meistens sehr viel länger da, denn ich habe auch ganz oft abends noch Termine mit Kunden, die dann auch natürlich erst nach Ladenschluss Dinge besprechen können. Dadurch wird es meistens relativ spät. Aber das habe ich mir so ausgesucht und kann damit auch umgehen.

 

I: Als du deine Tochter bekommen hast, wie hast du da Familie und Arbeit oder Arbeit und Privatleben miteinander vereinbaren können?

HB: Das ist nicht immer leicht gewesen und ich bin froh, dass meine Eltern sich sehr viel als Großeltern um meine Tochter gekümmert haben. Vor allem in den Schulferien war das wichtig, denn ich konnte ja nicht jedes Mal die Firma schließen und mit Marie Ferien machen. Das haben dann meine Eltern übernommen.

Den ersten richtig großen gemeinsamen Urlaub, den wir beide gemacht haben, war gleich nach ihrer Jugendweihe. Wir waren im Sommer drei Wochen im VW Bus unterwegs, und waren in Frankreich und Spanien. Das hat uns beiden sehr, sehr gut getan. Ich zehre heute noch davon. Ein Jahr später ist Marie nach Frankreich gegangen. Da war dann der Moment, wo wir uns beide gegenseitig abgenabelt haben, was vielleicht auch ganz wichtig war, denn ich war viele Jahre komplett alleinerziehend war. Ich bereue das nicht, aber es war oft sehr anstrengend.

Kind und hundert Prozent Firma haben viel Kraft gekostet, aber es war zu schaffen. Da bin ich auch ganz stolz auf meine Tochter. Sie war schon beizeiten überaus aufmerksam und sehr selbstständig.

 

I: Welche Kompetenzen muss man deiner Meinung nach mitbringen, wenn man sich selbstständig macht?

HB: Naja, ich kann nur davon ausgehen wie ich denke. Ich bin ja in die Selbständigkeit mehr oder weniger reingerutscht, weil es nur diese Variante für mich gab, denn ich wollte mir nichts sagen lassen. Wichtig für die Selbstständigkeit ist Zuverlässigkeit. Also dass man Selbstdisziplin hat und immer einhundert Prozent gibt. Verlässlichkeit gegenüber den Mitarbeitern und Kunden ist wichtig. Sie alle müssen sich auf dich verlassen können. Kunden müssen sich zum Beispiel darauf verlassen können, dass wir, wenn wir am Anfang des Jahres einen Jahresplan für die Schaufensterdekoration gemacht haben, der Plan auch eingehalten wird. Gleichgültig ob zwei Leute in der Firma krank sind, sie bekommen ihren Termin und ein Aufsehen erregendes Fenster!

Wichtig ist auch, dass man mutig ist, weil es immer Situationen gibt, auf die man einfach nicht vorbereitet ist und dass man dann schon mal auch einen Schritt zurücktritt, tief Luft holt und überlegt, wer jetzt vielleicht auch helfen kann. Also sich auch mal Hilfe holen. Man darf nicht verzagen, man darf nicht aufgeben. Ich finde, das ist wichtig. So ein gewisser Grundoptimismus tut sehr gut bei der Selbstständigkeit.

 

I: Das klingt jetzt fast so ein bisschen wie ein persönliches Lebensmotto.

HB: Ja

 

I: Wie würdest du das formulieren?

HB: Alles wird gut.

 

I: Wenn du dir deine berufliche Situation mit einem positiven und negativen Aspekt nochmal vergegenwärtigst, würdest du es wieder tun?

HB: Es gibt so Tage, wenn man mich das fragt, dann würde ich nein sagen. Aber im Großen und Ganzen würde ich es auf jeden Fall wieder tun. Weil es einfach wahrscheinlich mehr meinem Naturell entspricht, selbstständig zu agieren und Entscheidungen zu treffen, als Entscheidungen von anderen anzunehmen oder auszuführen.

 

I: Also doch immer wieder?

HB: Immer wieder!

 

I: Ich würde dich nach dem Netzwerk fragen, denn du bist im Netzwerk der Berliner Handwerkerinnen. Wie kommt eine Frau, die ja eigentlich eher der IHK und nicht dem Handwerk zuzuordnen ist, zum Netzwerk der Berliner Handwerkerinnen?

HB: Naja eigentlich aus meiner Biographie, da passt das auf jeden Fall eher. Also mich ärgert auch, dass wir hier in Berlin der IHK angeschlossen sind, obwohl dieser Beruf in der Grundausbildung schon immer sehr viel handwerklicher war und eigentlich auch wieder werden müsste. Die Berufsschule ist mittlerweile die Wilhelm-Ostwald-Oberschule, wo auch handwerkliche Berufe ausgebildet werden. Und mir liegen Handwerkerinnen emotional sehr viel näher. Also dieses einfach mit den Händen etwas schaffen ist mir emotional sehr nahe. Zum Netzwerk kam ich auf Empfehlung einer Theaterplastikerin, mit der ich ab und zu gearbeitet habe. Sie hat Sachen für unsere Schaufensterdekorationen gebaut. Sie erzählte mir von dem Netzwerk und nach dem ersten Treffen war ich eigentlich süchtig und bin seitdem auch immer dabei. Ich freue mich, dass ich da aufgenommen wurde, obwohl ich gar nicht dem Handwerk zugerechnet werde.

 

I: Wir freuen uns auch, dass du dazugehörst. Was ist dir im Netzwerk wichtig?

HB: Toll sind immer wieder diese Gespräche mit den Frauen aus unterschiedlichen Gewerken. Da ist jede Frau so einzigartig wie auch teilweise ihre Fähigkeit. Und dieses Beisammen sein und irgendwie so auf einer Wellenlänge schwimmen. Hier ist man einfach wie man ist und man muss nicht tun als ob. Dann diese Angebote von Workshops, die ich unheimlich toll finde aber leider nicht immer nutzen kann. Aber die Angebote sind fantastisch. Ich fühle mich einfach wohl.

 

I: Danke. Glaubst du, dass Netzwerke, auch insbesondere Frauennetzwerke Vorteile haben? Warum soll man in Netzwerken sein?

HB: Also erstmal sind die Gespräche ganz, ganz wichtig, finde ich. Man bildet sich immer weiter, egal mit wem man redet. Man lernt immer etwas dazu. Also wenn man von verschiedenen Gewerken und Betrieben weiß, wie sie geführt werden, kriegt man ein ganz anderes Verständnis. Mich bereichert das einfach. Ich denke, die Männer klüngeln auch. Warum nicht auch Frauen?

 

I: Gibt es so einen persönlichen Mehrwert für dich?

HB: Ja, ich fühle mich total wohl an diesen Abenden. Das ist vielleicht mein persönlicher Mehrwert. Und ich habe schon an einigen Workshops teilgenommen, die mich auch weitergebracht haben, z.B. rein fachlich auch mal Sachen zu erfahren, die mir so gar nicht bewusst waren.

 

I: Wie sieht deine Zukunftsvision aus?

HB: Ich gehe mal ganz stark davon aus, dass es Art Window in ein paar Jahren immer noch gibt. Es ist zwar gerade turbulent am Handelsmarkt, im Einzelhandelsbereich. Aber Turbulenzen gab es über die Jahre immer mal wieder. Der Einzelhandel sortiert sich gerade aufgrund des ganzen Onlinehandels neu. Aber ich denke, dass unser Part, also Menschen durch unsere Arbeit so anzusprechen, dass sie in die Geschäfte reingehen, mehr und mehr zunehmen wird. In New York ist es bereits so.

Man muss sich abheben, wenn man im stationären Einzelhandel überleben will.

 

I: Und dazu gehört die kreative Einladung an potenzielle Kunden durch Art Window ganz bestimmt dazu.

HB: Auf jeden Fall!

 

I: Heike, vielen Dank für das Gespräch. 




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