Frauen im Netzwerk des Kompetenzzentrums für Berliner Handwerkerinnen

Silja Hüffmeier

Silja Hüffmeier ist Tischler­meistern und arbeitet mit ihrem Partner in der gemeinsamen Tischlerei. Sie ist trotz oder vielleicht auch wegen aller Widrig­keiten und Wider­stände, die sie erfahren hat, mit Leib und Seele Tischlerin und Netz­werkerin und sie ist die fünfte Frau, die wir in unserer Reihe vorstellen.

Sie findet, dass Vorbilder für Frauen im Handwerk fehlen und engagiert sich deshalb aktiv in Netzwerken.

Silja Hüffmeier, Tischlermeisterin, Kreutzigerstr. 18, 10247 Berlin Tel: 0151 – 61 47 14 10, E-Mail: silja@hueffmeier.de

 

Ich heiße Silja Hüffmeier, bin 49 Jahre alt und habe vier Kinder im Alter von 8 bis 17 Jahren. Ich lebe mit dem Vater der Kinder zusammen und bin auch mit ihm zusammen selbständig. Wir sind beide Tischlermeister. Ich lebe in Friedrichshain in einem Hausprojekt mit dreißig anderen Leuten. Wir arbeiten zu zweit selbständig in einer Werkstattgemeinschaft in Kreuzberg, wo wir uns einen Maschinenpark mit zehn Personen teilen.

 

I: Wie bist du dazu gekommen, Tischlerin zu werden?

 SH: In der neunten Klasse haben wir ein Betriebspraktikum gemacht und dabei ich bin eher durch Zufall bei einer Tischlerei gelandet. Das waren Bekannte meiner Eltern und ich wollte da eigentlich gar nicht hin. Aber die drei Wochen Betriebspraktikum waren total toll!

Ich fand es super, dass man etwas macht und danach ein Ergebnis sieht.

 

I: Und nach der Schule war die Entscheidung schon klar?

SH: Also ich habe das die ganze Zeit mit mir herumgetragen. Aber ich habe erst Abitur gemacht und dann war klar, dass ich nach der Schule erst einmal ins Ausland gehen wollte. Ich war ein Jahr in London und habe dort eine Art Freiwilliges Soziales Jahr gemacht und mit Behinderten gearbeitet. Aber ich hatte da auch immer schon die Idee, Tischlerin zu werden. Ich bin dann zwischendurch für fünf, sechs Wochen nach Hause gefahren, um mir einen Ausbildungsplatz zu suchen und war dann auch so erfolgreich, dass von meinen sechzig Bewerbungen und Betrieben, die ich abgeklappert habe, mir zwei endgültig zugesagt haben. Entschieden habe ich mich für einen Betrieb in meinem Umfeld in Bremen statt in Hannover. Dann bin ich wieder zurück nach London, habe das, was ich dort angefangen hatte, zu Ende gemacht und danach in der Tischlerei angefangen. Damals gab es in unserer Nachbarschaft einen Lehrer aus meiner Schule. Der hat sich meinen Vater vorgeknöpft und hat gesagt: „Hören Sie mal, warum muss das Kind denn jetzt unbedingt ein Handwerk lernen?“ Und mein Vater hat gesagt: „Die will das doch. Die muss das gar nicht.“ Dieser Lehrer, mein ehemaliger Chemielehrer, war der Meinung, dass ich unbedingt Naturwissenschaften studieren müsse, weil ich nicht so schlecht in seinem Fach war.

Dann habe ich drei Jahre Ausbildung in Bremen gemacht. Das war hart.

 

I: Warum war das hart?

SH: Ich war die erste Frau, die in diesem Betrieb ausgebildet wurde. Der Betrieb hatte schon eine lange Tradition. Als ich anfing, wurde 150jähriges Betriebsjubiläum gefeiert. Frauen gab es dort zwar schon immer, aber als Familienangehörige im Büro. Die Kollegen waren total nett. Es gab keine doofen Sprüche. Sexismus war da nicht angesagt. Aber es war trotzdem eine ganz andere Kommunikation miteinander, an die ich nicht gewöhnt war. Also so ein bisschen „herumgeprolle“, damit musste man erst einmal klarkommen. Dann gab es aber auch immer wieder den Punkt – und das ist ja das Schöne am Tischlern, dass man das Ergebnis seiner Arbeit sieht – aber natürlich sieht man auch die Fehler sofort und die werden einem dann in der Ausbildung sehr gerne ziemlich schnell aufs Brot geschmiert. Die Geduld von Ausbildern mit Auszubildenden – das erlebe ich immer wieder – ist begrenzt und das hat mich dann irgendwann ganz schön fertig gemacht. Es hat gedauert, aus diesen Löchern wieder herauszukommen, wenn man das zweite Mal eine Leiste verkehrt abgeschnitten hat. Das kann zwar motivieren, aber auch genauso demotivieren.

 

I: Aber du hast die Ausbildung abgeschlossen?

SH: Ja, ich habe sie abgeschlossen. Bei meinem Gesellenstück habe ich mir total den Stress gemacht. Psychisch war ich echt ganz schön kaputt. Aber dann ist alles super gelaufen. Ich habe eine Eins A Prüfung gemacht und der Chef musste mir dann richtig gratulieren, weil ich Kammer-Beste war. Er hat mich gefragt, ob ich jetzt weiterarbeiten möchte in dem Beruf. Und ich habe ihm gesagt: „Ja, möchte ich gerne.“ und dass ich schon eine Stelle in Aussicht hätte. Er war, glaube ich, sehr glücklich, dass ich nicht übernommen werden wollte.

 

I: Und dann hast du wie viele Jahre als Tischleringesellin gearbeitet?

SH: Ich habe in Bremen eineinhalb Jahre als Gesellin gearbeitet. Jemand Bekanntes aus dem Umfeld hat gesagt: „Du kannst bei mir anfangen. Ich habe sowieso viel zu viel zu tun.“ Ich war seine erste Gesellin. Vorher hatte er noch nie jemanden angestellt. Er hat mich einfach machen lassen und mir alles ganz in Ruhe erklärt und immer gewartet, ob ich es verstanden habe und abgewartet, ob es läuft. Das war komplett anders als in meinem Ausbildungsbetrieb. Es war ein super Einstieg ins Berufsleben. Niemand, der hinter dir steht und sagt: „Du bist zu langsam“ oder „schon wieder falsch gemacht“, sondern einfach die Ruhe hat. Er hat mich nie angemeckert. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich gesagt habe, „Ich gehe.“ Das war der erste Tag, wo er wirklich schlechte Laune hatte.

 

I: Und warum bist du gegangen?

SH: Ich musste mal raus. Ich hatte einige Freundinnen in Berlin und bin dauernd nach Berlin gefahren, um sie zu besuchen. Und ich brauchte Tapetenwechsel. Es lag nicht an der Arbeit, sondern ich musste einfach mal woanders hin und habe beschlossen, nach Berlin zu gehen.

 

I: Und dann begann das Leben in Berlin als Tischlerin?

 SH: Ja, ich hatte eine Stelle in Aussicht und bin mit dieser Aussicht hierher gezogen. Eine Woche bevor ich umgezogen bin, wurde mir gesagt: „Nein, ist doch nicht“. Das war dann mal ein kleiner Rückschritt.  Aber wenn man ankommt und sagt: „Ich habe eineinhalb Jahre Berufserfahrung“ ist das überhaupt kein Ding. Also alle Türen, die vorher zu sind, wenn du aus der Ausbildung kommst, sind plötzlich offen, wenn du Berufserfahrung hat. Ich habe dann in zwei Tischlereien innerhalb kurzer Zeit gearbeitet, wo schnell klar war, hier geht es gar nicht. Dann bin ich aber bei einem sehr netten Betrieb gelandet, habe da auch länger gearbeitet. Ich war in dem Betrieb schon die zweite Frau, die dort angestellt war. Der Betrieb hat sich dann vergrößert und wir waren nachher sogar vier Frauen, vier Männer. Es war ein sehr kollegiales Zusammenarbeiten. Dann ist mein Freund und Partner nach Berlin gezogen und hat auch in diesem Betrieb angefangen zu arbeiten. Mein Partner hatte seinen Meisterbrief und dann habe ich irgendwann beschlossen, dass ich jetzt auch mal weitermachen muss. Nachdem ich lange überlegt habe, ob ich nochmal studieren will, habe ich entschieden: „Nein, ich mache jetzt die Meisterausbildung“.

Dafür habe ich meine Stelle aufgeben müssen. So eine Meisterausbildung kostet viel Geld. Ich habe mit meinen Eltern geredet und ihnen gesagt: „Ich habe eigentlich kein Interesse mehr am Studium.“ Und sie haben mir die komplette Meisterausbildung bezahlt, ohne Wenn und Aber. Ich konnte mir ganz in Ruhe die passende Schule aussuchen und bin dafür auch nach Münster gezogen, um den fachlichen Teil da zu machen. Das war dann auch noch mal sehr spannend. Da war ich nämlich die einzige von 120 Tischlermeister-Anwärtern, die eine Frau war.

 

I: Da hat sich ja dann heute doch schon einiges geändert.

SH: Ein bisschen hat sich schon etwas geändert. In Münster war das auch anders als in Berlin. Aber das war mir damals auch nicht so klar, dass die Leute alle aus den umliegenden Dörfern kommen und auch zum Teil hoch konservativ sind. Das war eine harte Zeit. Der erste Tag fing damit an, dass der Klassenlehrer in die Klasse kam und sagte: „Oh, eine Dame ist anwesend. Da muss ich wohl die Hälfte meiner Witze streichen.“ Ich meine, das war 1998. Das ist ja jetzt nicht so lange her. Die Sonderstellung hat man da ganz schön oft bemerkt. Also manchmal haben sie es auch vergessen, dass ich da bin, die Jungs.

 

I: Und die Sonderstellung hat sich wie bemerkbar gemacht?

SH: Das ist schon auffällig gewesen. Also es gab so ein paar Momente, wo dann ja herumgeflaxt wurde. Zum Großteil waren ja alle im Internat, also die ganze Woche weg von Familie und Frau. Die hatten so ein bisschen ihre zweite Bundeswehrzeit. Für die war das nochmal so richtig die Sau rauslassen und dann plötzlich fiel ihnen ein: „Oh, da sitzt ja noch eine“. Ich habe auch mal im Unterricht gesagt: „Ich habe keine Lust, mir das noch weiter anzuhören. Also bitte“.

 

I: Und wie war das mit „Frau und Leistung“? Bist du wie durch ein Brennglas beobachtet worden?

SH: Das war nicht das Problem. Weil alles, was rechnen, zeichnen, Mathe anging, sie zum Großteil viel schwächer waren als ich. Viele hatten kein Abitur. Von daher waren meine Voraussetzungen besser. Die waren zum Teil auch älter als ich. Hatten schon zwanzig Jahre gearbeitet. Da fällt es einem natürlich nochmal viel schwerer, sich hinzusetzen, zu konzentrieren und irgendwelchen Stoff zu pauken. Ich habe da meine kleine Lerngruppe gefunden mit drei Jungs, die ich am besten fand aus der Klasse. Wir haben dann den Stoff durchgearbeitet. Fachlich waren wir natürlich weit auseinander. Je nachdem, wer welche Erfahrungen hatte. Für mich waren einige Sachen total neu und andere Dinge sind mir dann auch wieder leichter gefallen, wenn es dann zum Beispiel um die chemischen Zusammenhänge im Holz ging. Da hatte ich einen Vorteil, weil ich einfach aus der Schule viel mehr zu dem Thema wusste.

In der Meisterschule war das wirklich noch einmal eine andere Welt. Mir war vorher nicht so klar, was das heißt. Ich war wieder da angelandet, wo ich eigentlich mal am Anfang war.

 

I: Und wieder in Berlin kamen dann auch die ersten deiner Kinder?

SH: Ja also, in Berlin habe ich dann mein Meisterinnenstück in der Werkstatt gebaut, wo ich ja vorher gearbeitet habe. Das war toll, dass das ging und die mich so unterstützt haben. Ich habe dann nicht wieder angefangen zu arbeiten, sondern habe mich, weil ich ja in der Hausprojekt-Szene unterwegs war, bewusst dafür entschieden, Zeit für ein Hausprojekt zu haben und mich dort um die Baustelle zu kümmern. Also habe ich die Baustelle mit koordiniert, Pläne mit erarbeitet und mich viel um die Tischlerarbeiten gekümmert. Ich habe quasi im Haus getischlert. Fenster, Türen und sonst was alles. Bis ich schwanger geworden bin. Dann war irgendwann klar, dass ich hierher, in dieses Haus ziehe, in dem ich jetzt lebe. Ich habe dann erstmal das Glück der Mutter genossen. Ja, ich habe mich einfach um meine Tochter gekümmert, die 2001 auf die Welt gekommen ist. 2002 haben wir hier unser Haus gekauft. Es war klar, dass wir auch in diesem Hausprojekt Jahre der Sanierung vor uns haben. 2001 war es dann so, dass mein Partner beschlossen hat sich selbständig zu machen, weil wir uns hier um die Baustelle kümmern wollten. Man macht sich nur kaputt, wenn man gleichzeitig für jemanden anderen und für sich selber etwas machen will. Also hat er sich selbständig gemacht. Ich war ja noch sozusagen im Wochenbett, als er das angefangen hat. Ich habe dann gesagt, wenn ich kann, würde ich hier auf der Baustelle eine Angestellten-Funktion übernehmen und die Baustelle selbst koordinieren. Dann habe ich also, als meine Tochter ein Jahr war und in die Kita gehen konnte, die Bauleitung auf der Baustelle hier gemacht.

Aber das war zu Hause sein. Ich war für fünfundzwanzig oder dreißig Stunden angestellt und zehn Stunden musste jeder von uns zusätzlich selber pro Woche leisten.

 

I: Wie lange habt ihr die Baustelle gemacht?

 Das haben wir vier Jahre gemacht und parallel die Firma aufgebaut. Wir haben hier als Mitbewohner gearbeitet und als Firma. Also beides. Wenn es einfach zu viel war, ist die Firma gekommen und hat etwas gemacht und wenn es nicht so viel war, haben wir es als Selbsthilfe-Arbeit gemacht. So ist es langsam gewachsen. Dann war klar, es geht natürlich nicht dauerhaft ohne Werkstatt. Also musste man sich eine Werkstatt suchen und so sind wir in der Holz-manufaktur in Kreuzberg gelandet. Das war 2002. Das hat mein Partner aber zunächst alleine gemacht, weil ich ja auf der Baustelle im Hausprojekt war und nur, wenn mal sehr viel zu tun war, bin ich mit in die Werkstatt gegangen.

Bis 2006 haben wir hier gebaut. In der Zeit habe ich noch zwei weitere Kinder gekriegt. Die Bauleitung habe ich dann immer an jemand anders hier im Haus oder extern abgeben können.

Als das Haus fertig war, haben wir gesagt: „So, jetzt können wir richtig durchstarten und endlich mal viel mehr tischlern, so wie wir wollen.“

Meine Kinder sind immer mit einem Jahr in die Kita gekommen, aber schon vorher, also während des ersten halben Jahres habe ich immer mitgemacht und das zweite halbe Jahr haben wir dann versucht, so viel wie möglich zu teilen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht bei uns so gut, weil wir beide zusammenarbeiten und weil wir uns täglich oder wöchentlich absprechen können. Also wer macht mehr Arbeit, wer macht die Kinder? Das wechselt immer, je nach dem, was fachlich anliegt oder wessen Kunden das sind. Inhaltlich ist es aber auch so, dass es Dinge gibt, die mache ich schneller, besser, lieber und es gibt Dinge, die macht er schneller, besser, lieber.

I: Wenn sich das so gut ergänzt, ist es ja eine tolle Sache.

SH: Wir ergänzen uns ganz gut. Das hatte sich auch relativ schnell herauskristallisiert, denn wir waren ja auch schon zusammen in Bremen und Berlin angestellt.

Mein Partner und ich haben ähnliche Ideen. Sonst wäre das mit der Selbständigkeit nicht passiert. Denn es war nicht mein Vorstoß, ich war nicht diejenige, die sich selbständig machen wollte. Ich war eher konservativ und habe gedacht: „Trauen wir uns das zu?“ Aber heute bin ich dankbar dafür, dass wir das so zusammen gewagt haben. Mein Partner sagte damals: „Kann ja auch nicht viel passieren. Wenn es nicht läuft, dann lassen wir uns wieder anstellen. Wir haben beide den Meisterbrief und dann ist es eigentlich kein Problem.“ Das habe ich mir auch lange immer noch gesagt.

 

I: Du hast vier Kinder und deine Arbeit als Tischlermeisterin. Wie lang ist bei dir der Tag?

SH: Kurz nach acht, wenn die Kinder in der Schule sind, fahre ich los und bin bis sechs in der Werkstatt. Das ist der Tag. Dann ist aber klar, der andere von uns ist ab drei derjenige, der sich um Kinder, Kegel, kochen, Wege oder was auch immer kümmert. Es gibt auch Tage, da muss es mal früher sein oder es gibt Tage, da ist jemand krank. Dann muss man zu Hause bleiben. Klar ist immer, wer gerade etwas Wichtiges hat, geht arbeiten und der andere bleibt zu Hause. Wir haben uns schon mal abgewechselt und gesagt: „Ich muss das jetzt aber heute Morgen unbedingt zu Ende machen, danach komme ich nach Hause und dann fährst du arbeiten“. Oder einer geht in die Werkstatt und der andere versucht dann hausintern zu sagen: „Ich bin mal eine Stunde weg. Kannst du mal hier ein Auge auf mein nicht mehr ganz fittes Kind haben. Aber ich bin dann auch wieder da“. Dadurch, dass hier zwanzig Erwachsene im Haus sind, haben wir immer auch die Hilfe von allen anderen auch gehabt. Es sind hier immer tagsüber Leute da. Jetzt sind die Kinder ja nicht mehr klein. Aber als sie klein waren, konnte man immer mal sagen: „Hier ist das Babyfon, ich bin mal eine halbe Stunde weg. Du sitzt ja sowieso an deinem Schreibtisch.“ Das hat uns natürlich viel geholfen. Also nicht nur, dass wir beide uns gut koordinieren können, sondern auch, dass die Leute im Haus immer wieder da waren und uns gestützt haben. Aber klar, ich gebe etwas rein, ich kriege etwas zurück.

 

I: Welche Kompetenzen musst du denn haben, um das zu stemmen und welche Kompetenzen brauchen Tischlerinnen?

SH: Um das alles zu stemmen? Ja, man muss ganz gut organisiert sein, finde ich.

Um überhaupt in dem Beruf glücklich zu werden, braucht man ein räumliches Vorstellungs-vermögen. Man muss einfach Spaß haben an Maschinen, sich einfach mit Respekt aber ohne Angst an etwas Großes wie Maschinen herantrauen. Natürlich ist es auch körperlich eine anstrengende Arbeit, man muss fit sein.

Ich kenne leider auch viele Tischlerinnen, die im zunehmenden Alter körperlich Schwierigkeiten haben. Aber auch Tischler machen sich zu schnell kaputt, schonen sich nicht. Das Bewusstsein für den eigenen Körper und dass man seine Ressourcen auch pflegen muss, das ist wichtig. Man muss natürlich auch kreativ sein, aber nicht nur bei der Entwicklung eines Möbelstückes oder bei einem Auftrag, sondern auch, wenn etwas schief läuft- und irgendwas läuft immer mal schief.

Die Angst auf der Baustelle, dass irgendetwas nicht passt, die habe ich immer noch. Aber ich habe nicht mehr die Angst, dass mir keine Lösung einfällt. Ich bin immer noch nervös, wenn ich zum Kunden fahre und eine große Küche geplant und gefertigt habe, die wir dann einbauen. Ich denke: „Habe ich wirklich an alles gedacht?“ Und irgendetwas habe ich natürlich nicht bedacht, aber es gibt auch fast immer eine Lösung. Diese Sicherheit, dass wir immer eine Lösung gefunden haben, trägt einen dann auch wieder. Sinn für das Detail muss man haben und was Oberflächen angeht: Geduld. Die habe ich nicht immer. Aber wenn man sehr schöne Oberflächen hinkriegen will, muss man einfach Geduld haben. Man braucht auf jeden Fall die Ruhe, die Arbeit zum Abschluss zu bringen.

 

I: Hast Du ein persönliches Erfolgsrezept oder Lebensmotto?

SH: Na ja, ich weiß nicht. Also ich glaube, ich muss eher immer mal gebremst werden. Es gibt eigentlich zu viel, was ich noch mal eben erledigen will. Manchmal ist es ganz gut, dass jemand wie mein Freund dann sagt: „Das geht nicht. Konzentriere dich mal darauf, was wichtig ist.“ Aber an sich habe ich immer gerne die Aufgaben, die da waren, auch genommen und versucht, sie so gut wie möglich zu erledigen. Manchmal erwarte ich das vielleicht auch zu viel von anderen. Aber Lebensmotto? Auf jeden Fall immer erst mal gucken, ausprobieren.

 

I: Bei all dem, was du machst bist Du auch in Netzwerken unterwegs. Du bist im Netzwerk der Tischlerinnen aktiv und hast dort schon das bundesweite Tischlerinnen-Treffen mit organisiert und bist im Netzwerk der Berliner Handwerkerinnen. Warum Netzwerke?

SH: Zum bundesweiten Tischlerinnen-Treffen bin ich 1994 gekommen. Das war durch Zufall, noch bevor ich nach Berlin gezogen bin. Ich bin damals alleine hingefahren und kannte keine. Es waren 120 Frauen da, alles Tischlerinnen und aus dem Tischlerinnen-Umfeld. Das war für mich großartig. Dort gab es Frauen, die waren schon selbstständig. Und dann waren welche die sagten: „Ich gehe jetzt zur Meisterschule.“ Dann erzählten welche davon, wie sie durch die Welt getingelt sind, auf Wanderschaft und dass sie im Ausland gearbeitet haben. Plötzlich war die ganze Welt offen, weil es so viele gab, die irgendetwas gemacht haben, wo ich dachte, „Wow!“

Und genau das fehlte ja bisher. Diese Vorbilder!

Es gab ja in meinem ganzen Umfeld damals nur männliche Auszubildende. Ich kannte nicht einmal eine Gesellin. Ich hatte bis dahin auch keine gekannt, die Meisterin war. Keine, die einen Betrieb geführt hat. Und so etwas fehlt einem total.

Also das haben ja die Jungs alles. Die gehen in den Beruf und ihre Vorbilder sind ja täglich vor ihnen und überall. Man muss ja nur auf die Straße gucken, da fährt ein Auto vorbei und da sitzt natürlich ein Handwerker drin.

Ich habe erst später verstanden, wie wichtig das war. Es war zunächst ein tolles Erlebnis, ein tolles Treffen, das mich total gestützt hat.

Das ist der Grund, warum ich so lange im Tischlerinnen-Netzwerk aktiv war und bin.

Es kommen immer wieder neue Frauen nach, auch Auszubildende, die auch erzählen, wie schlimm es ihnen in ihrer Ausbildung geht und wo man sagen kann: „Hey, habe ich auch erlebt. Aber das und das und das hat mich durchhalten lassen.“ Also gerade aus der Erfahrung, wie anstrengend ich meine eigene Ausbildung fand und wie autoritär das im Handwerk zum Teil noch läuft, eigene Erfahrungen weiterzugeben und zu sagen: „Hey, ich kann dir etwas geben, du kannst mir etwas geben.“ Deswegen fahre ich seit zwanzig Jahren hin. Für mich war das immer ein Geben und Nehmen. Es hat mich in meinem ganzen beruflichen Werdegang unterstützt.

Und zum Netzwerk von den Berliner Handwerkerinnen: Also ich wusste schon lange, dass es das gibt und das hat mich immer ein bisschen überfordert. So viele andere Frauen aus anderen Gewerken! Was soll ich denn mit denen noch alles? Aber dadurch, dass ich das Tischlerinnen-Treffen dann 2016 selber wieder organisiert habe, nachdem ich es 2002 und irgendwann in den Neunzigern auch schon einmal organisiert habe, habe ich gedacht: „Das ist ja jetzt mal so ein Punkt.“ Das war für mich von Interesse, weil ich merkte, dass ich davon profitieren kann. Die können mir alle irgendwie helfen. Die können mich weiter vernetzen, zum Beispiel mit der Handwerkskammer, mit irgendwelchen Fördertöpfen, weil wir für das Treffen Geld brauchten. Aber auch einfach mit Knowhow, wie Sachen zu organisieren sind. Da hatte ich ein konkretes Anliegen hinzugehen und zu sagen: „Finde ich spannend euch kennen zu lernen. Ich habe auch ein Thema.“

Als ich dann da war, war es voll nett und die Frage, ob ich hingehe oder nicht hat sich nicht mehr gestellt.

 

I: Ich weiß, dass einige Frauen vom Handwerkerinnennetzwerk, wie z.B. eine Elektrikerin einen Workshop auf dem Tischlerinnen-Treffen gemacht hat.

SH: Das war auch mein Interesse. Ich fand ich es total spannend, einfach mal von den anderen Gewerken was mitzubekommen. Da sind die Metallbauerinnen, die haben ganz ähnliche Erfahrungen, aber auf einem ganz anderen Level. Und die Klempnerinnen, die Installateurinnen. Genau die hatte ich schon vorher immer auf einer Baustelle getroffen. „Aha, da ist sie ja wieder“. Das war auch toll. Und dann ist natürlich klar, ich selber brauche ja auch ab und zu die Fähigkeit von anderen und fand es super, dass ich jetzt einfach mal wusste, wenn ich meine nächste Küche einbaue, dann rufe ich die Ulrike an und frage, ob sie Zeit hat. Leider hat sie dummerweise gerade keine Zeit. Oder wenn bei uns etwas im Haus ist. Sie ist jetzt unsere Haus- und Hof-Installateurin für alles geworden, für den tropfenden Wasserhahn und für die Rettung unserer Gartenpumpe.

Ich finde ich es toll, dass wir zu unseren Treffen die Werkstätten der Frauen im Netzwerk besuchen. Dass man vielmehr Einblick bekommt, was die anderen machen. Man hat dadurch noch einmal ein ganz anderes Verhältnis dazu, was die anderen für Arbeit leisten.

 

I: Wo siehst Du dich in fünf Jahren?

SH: In fünf Jahren ist für mich persönlich einiges passiert, weil dann schon zwei meiner Kinder volljährig sind. Da wird sich viel ändern. Im Moment sehe ich das so: Je älter die Kinder werden, umso mehr Zeit haben wir für die Arbeit.

Das Hauptproblem ist jetzt natürlich, dass die Werkstatt umziehen muss. Deswegen finde ich es für mich ganz schwer gerade zu sagen, was wir machen werden. Wir haben jetzt eineinhalb Jahre Zeit eine neue Werkstatt zu finden und wenn wir keine finden, ist alles offen. Wenn wir etwas finden, dann werden wir wieder neu wieder starten. In welcher Konstellation ist noch unklar. Wenn wir nichts finden, wird das auseinanderfallen und jeder wird sich etwas Neues suchen müssen. Es ist für mich schwierig aus dieser Situation eine Perspektive zu entwickeln. Wenn wir jetzt etwas suchen, muss das eine Perspektive für mindestens 15 Jahre haben.

 

I: Und muss bezahlbar sein…

SH: Es muss bezahlbar sein und es muss für uns alle, in welcher Konstellation auch immer, eine Perspektive geben. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir natürlich irgendwann auch mal jemanden anstellen. Das ist im Moment bei uns nicht Thema, weil ich viel Zeit mit meiner Familie verbringen will. Und wenn wir die Zeit mit der Familie verbringen, sind wir beide nicht da. Dann hat der Angestellte nichts zu tun. Im Gegensatz zu Angestellten kann ich mir mehr Auszeiten von der Arbeit nehmen, als wenn ich angestellt wäre. Aber je weniger das nötig ist, weil die Kinder groß sind, umso mehr kann ich mir vorstellen, jemanden einzustellen. Ich werde auch nicht jünger.

Auf jeden Fall ist es wichtig, dass das produzierende Gewerbe Räume hat, die nicht außerhalb von Berlin sind. Wie soll ich Familie und Beruf überhaupt auf einen Kamm bringen, wenn ich eineinhalb Stunden zu meiner Werkstatt fahre? Oft genug, dass die Schule anruft und sagt: „Sie müssen jetzt den Frieder abholen.“ Und dann sage ich: „Ja, bin ich in einer Viertelstunde da“. Aber wenn ich dafür eineinhalb Stunden brauche? Dann sind halbe Tage, die wir jetzt gut arbeiten können, ein ganz anderes Problem. Es ist dann auch nicht mehr wirtschaftlich, wenn ich für einen Halben Tag Arbeit drei Stunden durch die Gegend fahren muss. Wir wünschen uns sehr, dass wir neue Räume finden. Aber noch sind wir ganz am Anfang.

 

I: Ich drücke die Daumen und sage Dir ganz herzlichen Dank für das Interview!




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